Die kleinen Verwandten
Der Einakter „Die kleinen Verwandten“ spielt um 1900 in einer Familie des „höheren Beamtentums“ und schildert sowohl humorvoll wie auch kritisch eine Episode aus deren Alltag. Herr und Frau Hässler und ihr Töchterchen Ida bereiten sich auf den Antrittsbesuch des zukünftigen Bräutigams, des jungen Kaufmanns Max Schmitt, vor. Alles ist akribisch geplant, alle Eventualitäten sind besprochen und jede Geste ist einstudiert, um den Besucher gebührend zu empfangen. In diese Situation platzt unerwartet und unerwünscht die Schwester des Hausherrn, Frau Babette Bonholzer. Sie lebt in einfachen Verhältnissen, will sich bei der hochnäsigen Verwandtschaft in Erinnerung bringen und ihren Ehemann vorstellen. In ihr gärt einiger Unmut, denn schließlich hat die Tatsache, dass ihr Bruder studieren durfte und deshalb gesellschaftlich aufgestiegen ist, dazu geführt, dass sie selbst mangels Aussteuer und Geldmittel, sowohl wirtschaftlich als auch in Bezug auf die Partnerwahl, in einer niedrigeren gesellschaftlichen Schicht, sozusagen in einer „anderen Kategorie“ lebt. Die Spannung zwischen den unfreiwilligen Gastgebern und den unwillkommenen Gästen entsteht sowohl durch die unglückliche zeitliche Konstellation, die gegenseitigen Vorwürfe und durch die sprachlichen Missverständnisse, sowohl im Inhalt als auch im unterschiedlichen Gebrauch des Dialekts. Als auch noch der sehnlichst erwünschte „Bräutigamsanwärter“ eintrifft, eskaliert die Situation. Schließlich findet das junge Paar auch ohne Unterstützung durch die Eltern zu seinem Glück. Ob dadurch allerdings zwischen den „besseren“ und den „kleinen“ Verwandten eine Entspannung eintritt, bleibt offen.
Erster Klasse
Als eines der brilliantesten Werke aus dem bäuerlichen und kleinstädtischen Umfeld des bayerischen Schriftstellers Ludwig Thoma gilt der Einakter „Erster Klasse“.
Das Stück spielt um 1900, also in der „guad’n, oid‘n Zeit“. In einem Schnellzug-Eisenbahnabteil, natürlich „erster Klasse“,sitzt eine illustre Gesellschaft: der quirlige Kaufmann und Kunstdüngervertreter Stüve aus Neuruppin, der kgl. bayerische Ministerialrat von Scheibler und das frisch vermählte Ehepaar von Klewitz aus Norddeutschland. Stüve preist inbrünstig die Vorteile von Kunstdünger gegenüber dem in Bayern immer noch gebräuchlichen Kuhmist an und geht damit den anderen Gästen gehörig auf die Nerven. Auch wird die Zugfahrt immer wieder durch Vorfälle und ungeplante Halts auf freier Strecke unterbrochen. Bei einem dieser Zwischenstopps steigt ein typischer Bauer aus der Gegend zu. Umständlich richtet er sich in dem engen Abteil ein. Während sich die anderen Fahrgäste über das rauhe Benehmen des Bauern echauffieren, setzt Stüve seine Überzeugungsarbeitjetzt bei ihm, allerdings ebenso ohne Erfolg, fort.
Noch zünftiger wird es, als der Bauer beim nächsten Halt seinen alten Bekannten Gsottmaier entdeckt und ihn in das nun endgültig voll besetzte Abteil winkt. Die beiden werfen sich gegenseitig ihre Spitzbübereien vor, in deftiger Ausdrucksweise und ohne Rücksicht auf die anderen Fahrgäste.
Als es dem Ministerialrat zu bunt wird, lässt er beim nächsten Halt vom Zugführer überprüfen, ob die doch noch etwas nach Kuhstall riechenden Bauern überhaupt erster Klasse fahren dürfen. Der Zugführer klärt ihn auf, dass einer der Bauern der Abgeordnete Filser sei.
Von Scheibler ändert blitzartig seine Einstellung aus Angst um seine Karriere, als er erkennt, dass er einem einflussreichen Vertreter des Volkes gegenüber sitzt…